Mein Gebet für heute - Kraftquelle in Coronazeiten

11.04.2020 (Samstag)

Mein Gebet für heute - von Pfarrerin Julika Wilcke, Ev. Kirchengemeinden Baumschulenweg und Johannisthal

 

Mein Gebet für heute - Kraftquelle in Coronazeiten. Foto: Jürgen Bosenius

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Am Karsamstag klage ich mit Worten aus dem 88. Psalm:

HERR, du Gott meiner Rettung,
am Tag und in der Nacht schrei ich vor dir.
      Lass mein Bittgebet vor dein Angesicht kommen,
      neige dein Ohr meinem Rufen!
            Nach Schreien ist mir zumute in diesen Tagen – in unfreiwilliger Einsamkeit,
            getrennt von denen, die ich liebe.
            Wenigstens du sollst mich hören – wenn alle meine Worte ansonsten
            ungehört verhallen in der Leere dieser Räume.
Denn mit Leid ist meine Seele gesättigt,
mein Leben berührt die Totenwelt.
      Schon zähle ich zu denen, die hinabsteigen in die Grube,
      bin wie ein Mensch, in dem keine Kraft mehr ist.
            Ich höre Nachrichten von steigenden Zahlen. Statistiken und Raten werden
            täglich aktualisiert – die genauesten Zahlen sind die der Toten. Ich kann mich
            nicht mehr spüren als Teil eines Ganzen, denn wir sind nicht mehr
            vollständig.
Ausgestoßen unter den Toten,
wie Erschlagene, die im Grab liegen,
      derer du nicht mehr gedenkst,
      abgeschnitten sind sie von deiner Hand.
            Ich habe die Außenwelt mit ihrem Licht verloren. Auch dies ist ein Gefühl der
            Solidarität: zu denen, die nicht mehr leben. Sie kommen mir nahe – sind
            mehr als nur Zahlen. Es sind die, die fehlen.
Du brachtest mich in die unterste Grube,
in Finsternisse, in Tiefen.
      Wirst du an den Toten Wunder tun,
      werden Schatten aufstehn, um dir zu danken?
            Wird es eine Zukunft geben für die, die gegangen sind und für die,
            die zurückbleiben? Wird es für uns eine Zukunft geben bei dir, Gott?
Erzählt man im Grab von deiner Huld,
von deiner Treue im Totenreich?
      Werden deine Wunder in der Finsternis erkannt,
      deine Gerechtigkeit im Land des Vergessens?
           Mein Gebet endet mit einem Fragenzeichen – es ist die offene Stelle, die vor
           dem verschlossenen Grab stehenbleibt. Ich bitte dich: Fülle sie
           mit Ostererfahrungen und mit dem Blick auf den weggerollten Stein. Fülle sie mit
           dem Licht des Ostermorgens und dem Ende unserer Einsamkeit. Fülle sie mit
           deinem Leben. Amen.

Pfarrerin Julika Wilcke, Ev. Kirchengemeinden Baumschulenweg und Johannisthal