Deutsch-israelischer Jugendaustausch im Ev. Kirchenkreis Lichtenberg-Oberspree – ein aktueller Erfahrungsbericht

von Ev. Kirchenkreis Lichtenberg-Oberspree

Besuch Anfang September 2019 im Kirchenkreis: Deutsch-israelischer Jugendaustausch im Ev. Kirchenkreis Lichtenberg-Oberspree. Foto: kklios.de
Deutsch-israelischer Jugendaustausch im Ev. Kirchenkreis Lichtenberg-Oberspree – ein aktueller Erfahrungsbericht
 
Von Sebastian Sievers
Kreisbeauftragter für den Arbeitsbereich Jugend

 

Ich stecke mitten in meinem deutsch-israelischen Jugendaustausch und lese in der Zeitung: „Mittlerweile muss man den Eindruck bekommen, dass sich verabredet wird, um Jagd auf Juden zu machen.“ (Tagesspiegel, 10.9.19, Seite 1) Wieder ein Übergriff, es traf einen jungen Mann vor einer Diskothek, anscheinend, weil man gehört hat, dass er hebräisch sprach.

Es katapultiert mich 30 Jahre zurück, als ich das erste Mal als Student in Israel war, da vermied ich es, in Jerusalem laut deutsch zu sprechen, aus Angst beschimpft zu werden. Nun ziehe ich, ängstlich, mit meiner deutsch-israelischen Gruppe Jugendlicher, zwischen 15 und 18 Jahren, durch Berlin; zeige ihnen, u.a. am U-Bahnhof Eberswalder Straße eine bewegende Gedenkstätte, wo einst ein Kinderheim stand, viele dieser Kinder wurden in Konzentrationslager gebracht. Deutsche und Israelis müssen auf ihre je eigene Weise die Geschichte ertragen. Will ich ihnen ob meiner Angst verbieten laut zu reden?

Ich bearbeite mit den Jugendlichen das Thema: „Realität und Vision“, mache am Ende einen Workshop zu den beiden Nationalhymnen und arbeite unsere unterschiedlichen Befindlichkeiten zu diesen Musikstücken heraus.

Netanjahu befindet sich derweil im Wahlkampf und sagt ständig sehr diskutable Sätze. Sich politisch hinter den Staat Israel zu stellen fällt schwer, aber in Berlin kann ich nur vor der eigenen Haustür kehren. Es gibt eine Diskussion in der Kirche, wie wir uns deutlich zu unseren jüdischen Mitgliedern der Gesellschaft bekennen können und ausdrücken, dass wir entsetzt und beschämt sind über die Vorfälle in unserer Stadt.

Träfe es einen meiner israelischen Freunde und Austauschschüler, was würden sie zu Hause erzählen – ich mag es gar nicht durchdenken.

Aber – Gott sei Dank – es passiert nichts. Im Gegenteil, am Ende sagt eine, Tomer, 17 Jahre, aus dem Moschaw Regba: „Es war für mich sehr bewegend, mit euch allen in Sachenhausen zu stehen, in einem KZ, wo fast alle meine Großeltern umgebracht worden sind und auf Hebräisch meine Nationalhymne zu singen.“

Da waren sieben erlebnisreiche und intensive Tage vergangen, die Jugendlichen haben sich kennen und auch schätzen gelernt. Sie waren zusammen im Kletterpark, haben in Gastfamilien übernachtet, haben gefeiert und Berlin beguckt, waren der spezifisch deutsch-israelischen Geschichte auf der Spur, aber auch selbstständig in der modernen Metropole unterwegs.

Solche Programme, in denen sich Jugendliche aus so unterschiedlichen Weltregionen und Kulturen kennenlernen, scheinen mir das einzige Mittel zu sein, um weiter und deutlicher Zivilcourage zu lernen. Denn, wenn ein Freund angegriffen wird, stellt man sich wohl selbstverständlicher schützend vor ihn.

Und wie mache ich das für den Rest der Berliner kenntlich? Jetzt bin ich so weit, mir einen Freundschafts-Pin mit den beiden Flaggen unserer Länder anzustecken. Ich will mich dabei nicht hinter die Staaten stellen, sondern vor die vielen Menschen, die in beiden Ländern nicht aufhören an Aussöhnungs- und Friedensprozesse zu glauben und von denen einige mittlerweile meine Freunde sind, die ich gern häufiger um mich hätte.

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